Bestwig

und seine Geschichte

von Walter Gödde

Das Ruhrtal war nachweislich schon tief in der vorgeschichtlichen Zeit besiedelt. Die damaligen Bewohner haben uns zwar nicht Namen und Ort hinterlassen, wohl aber ihre Werkzeuge und Waffen aus der mittleren und älteren Steinzeit in den Höhlen bei Balve und Kallenhardt, ihre Gräber in unseren Wäldern, Waffen, Gerät und Schmuck aus der Bronze- und Eisenzeit in der Veledahöhle bei Velmede.

Wie Albert Hömberg in seiner Studie über die „Siedlungsgeschichte des oberen Sauerlandes“ schreibt, war Bestwig ein Lehnhof der Propstei Meschede und wurde vereinzelt als Rittergut bezeichnet. Es konnte aber nicht als selbstständiges Gut bezeichnet werden, da der Hof immer mit den Gütern in Ostwig vereinigt war.

Nach Dr. H. Schneider, „Die Ortschaften der Provinz Westfalen bis zum Jahr 1300 nach urkundlichen Zeugnissen und geschichtlichen Nachrichten“, wird Bestwig 1191 erstmalig urkundlich als „Bestwich“ erwähnt.

Dieser Name wird in den Folgejahren unterschiedlich geschrieben und gedeutet, so z.B. „Bernswich“, offenbar zusammengesetzt aus „Bernhard“ und „ricus“ = Hof, Siedlung oder Dorf, also „Bernhardsdorf“. Ab 1693 lautet die Bezeichnung dann „Bestwig“ (lt. Hömberg).

Die erste urkundliche Erwähnung Bestwigs im Jahre 1191 wird allerdings von Michael Flöer in seinem Werk „Die Ortsnamen des Hochsauerlandkreises“ wegen der in diesen Jahren unüblichen Schreibweise „Bestwich“ in Zweifel gezogen.

Trotz der unterschiedlichen Studien über die Herkunft und Deutung des Namens „Bestwig“ feiert der Ort im Jahre 2016 sein 825-jähriges Bestehen.

Dass Bestwig weniger oft in alten Urkunden zu finden ist, liegt wohl daran, dass es kein selbstständiges Gemeinwesen hatte, sondern bis in die neueste Zeit ein Teil von Velmede war.

In der Pfarrchronik von Velmede 1812 heißt es über Bestwig: „Strack nach Osten, eine Viertelstunde von Velmede entfernt, liegt Bestwig. Ein sehr angenehmer Ort, hat 3 Bauernhöfe, 2 Beiwohner, 5 Häuser, 36 Seelen. Das kleine, fischreiche Wasser, die Falme, fließt mitten durch, so wie auch die Landstraße von Arnsberg nach Berlin, von Velmede kommend, geht mitten durch; hat einen guten weiten Wiesenboden an beiden Seiten, ein gutes geräumiges Feld und Waldungen mehr als ihr Bedarf ist. Herr Peter Ulrich von Brilon betreibt eine wohleingerichtete Brennerei. Ihm gehört auch die Mahlmühle. Diese Höfe gehören in die Gemeinheit Velmede.“

In Bestwig waren zwei große Höfe, und zwar der Oberhof und der Niederhof. Der Ober oder Klosterhof war Hegeners Hof.

Der Niederhof stand dort, wo heute die Gebäude der ehemaligen VEW (RWE) stehen. Der vorletzte Besitzer, Sauvigny, verkaufte 1900 den Niederhof an den benachbarten Freiherrn von Lüninck auf Haus Ostwig, der die Hofgebäude mit Hofraum dem Gemeindeelektrizitätswerk, den VEW (RWE), überließ. Die Hofgebäude wurden teils abgebrochen, teils durch Feuer zerstört. Wo früher Egge und Pflug regierten, herrscht heute die Industrie. Dieses Sauvignysche Anwesen stellte nur die Hälfte des ursprünglichen Niederhofes dar, die andere Hälfte bildete der Hof Stratmann genannt Mariens. Der Hof war nämlich geteilt worden.

Geht man in der Geschichte zurück bis ins Mittelalter, muss festgestellt werden, dass die Kämpfe dieser Epoche am Ruhrtal nicht spurlos vorüber gingen; sie brachten Leid und Elend, wie auch die kriegerischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Landesherren.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) fanden in unserer Gegend die Kämpfe zwischen Preußen und Franzosen statt. 1797 wurde die Ruhr Demarkationslinie zwischen Preußen und Frankreich. Nördlich der Ruhr standen die Preußen, südlich die Franzosen, so dass Bestwig und die südliche Hälfte von Velmede fast drei Jahre französisch waren. 1803 wurde das Hochstift Köln aufgehoben und der Erzbischof als Landesherr abgesetzt. Bis 1816 wurde Bestwig vom Großherzog von Hessen Darmstadt regiert, dem dann der König von Preußen folgte.

In dieser Zeit wurde auch die kommunale Neuordnung geschaffen. So wurden die Amtsbezirke neu geordnet und es entstanden neue Landkreise. Die Bürgermeisterei Eversberg mit dem Kirchspiel Velmede, zu dem auch Bestwig gehörte, kam zunächst zum Kreis Arnsberg. Sodann wurde der Kreis Eslohe gebildet, dessen Verwaltung 1819 nach Meschede kam. 1832 wurde dann der Kreis Eslohe in „Kreis Meschede“ umgewandelt. Dieser Kreis hatte fünf Bürgermeistereien (Ämter) und zwei vereinigte Schultheißbezirke. Nach der Gemeindeordnung von 1841 war Velmede Samtgemeinde geworden. Bereits 1866 wurde die Samtgemeinde aufgelöst und mit der Stadt Eversberg in „Amt Eversberg“ umbenannt. Der Sitz der Amtsverwaltung war damals aus räumlichen Gründen von Eversberg nach Velmede verlegt worden. Im Jahre 1881 wurde Bestwig Amtssitz. Bis 1911 führte das Amt die Bezeichnung „Amt Eversberg“ und erhielt dann die Bezeichnung „Amt Bestwig“. Durch die kommunale Neuordnung im Jahre 1975 wurden sowohl das Amt als auch die bis dahin selbstständigen Gemeinden Velmede, Nuttlar, Ostwig, Heringhausen und Ramsbeck aufgelöst und bilden jetzt die Gemeinde Bestwig mit Sitz in Bestwig.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine (1769) begann das Industriezeitalter. Überall entstanden auch hier im Sauerland neue Betriebe, die z.T. Zulieferbetriebe für die größeren Industrieunternehmen waren. Hinzu kam, dass den Ramsbecker Grubenbetrieben Mitte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit prognostiziert wurde, so dass auch in Bestwig neue Werke wie z.B. die Fa. Busch im Jahre 1890 entstanden. Das Herzstück der Fa. Busch war zunächst die Hammerschmiede. Hierbei handelte es sich nicht um eine Handwerksschmiede mit offenem Schmiedefeuer, Handhammer und Amboss, sondern um eine Industrieschmiede, ein sogenanntes Hammerwerk, das von Wasserrädern angetrieben wurde.

Ebenso fallen in diese Zeit auch die Inbetriebnahme der Schiefer-Bergbaubetriebe, wie die Gruben „Eva“ und „Adam“, die der heutigen Generation nur noch von Bildern bekannt sein dürften.

Durch den Bau der Eisenbahn im Jahre 1872 veränderte sich das Gesicht Bestwigs. Die kontinuierliche Entwicklung des Ortes erfuhr insbesondere um die Jahrhundertwende einen steilen Aufschwung. Es entstanden neue Betriebe, Geschäfte und Einrichtungen sowohl für die heimische Bevölkerung als auch für die Bahnreisenden. Denn die Ruhrtalbahn wurde zeitweilig Träger eines bedeutsamen Durchgangsverkehrs in den mitteldeutschen und ostdeutschen Raum. Die Bahnstrecke war die direkteste und kürzeste Tour vom Rhein nach Berlin, so dass Bestwig auch Schnellzugstation wurde. Mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Bestwig-Winterberg und als Umsteigebahnhof für die vielen Urlaubsgäste des oberen Sauerlandes gewann Bestwig an Bedeutung.

Eine neue Epoche begann für das Bahnbetriebswerk nach dem ersten Weltkrieg. 1919 konnte eine große Drehscheibe eingebaut und 1924 das neue Bahnbetriebswerk fertiggestellt werden. Leider forderte der technische Fortschritt auch beim Eisenbahnpersonal Bestwig seinen Tribut. Von 420 Bediensteten im Jahre 1923 sank die Zahl beim Betriebswerk in nur zwei Jahren auf 220 Beschäftigte. Dahinter verbarg sich große existentielle Not.

In der Endphase des 2. Weltkrieges wurde auch die obere Ruhrtalbahn durch Bombenangriffe zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Auch der Bahnhof Bestwig war Ziel mehrerer Bombenangriffe, die jedoch ihr Ziel verfehlten und dafür anderswo in Bestwig große Schäden anrichteten, von dem sich der Ort aber relativ schnell erholte. Die ansässigen Firmen stellten vermehrt Arbeitskräfte ein und neue Unternehmen siedelten in Bestwig an.

Bis heute hat sich das Gesicht Bestwigs völlig verwandelt.

Im Zentrum sieht man entlang der Bundesstraße (B 7) fast nur noch Geschäftshäuser und Verkaufsläden, denen auch leider der alteingesessene Hof Hegener weichen musste, der nach dem Krieg über einen großen Kinosaal verfügte, in dem die Besucher über ein Vierteljahrhundert hinweg bei spannenden Filmen dem Alltagstrott entfliehen konnten.