Nierbachtal

von Sandra Schröder

Nierbachtal ist ein kleiner Ortsteil der Gemeinde Bestwig. Der Ort liegt an der Landstraße L915 zwischen Wehrstapel und Remblinghausen. Aktuell leben heute 33 Einwohner in diesem Ort.

Das Dorf Nierbachtal hieß bis zum Jahr 1975 Grimlinghausen. Im Zuge der kommunalen Neugliederung gab es in der Gemeinde Bestwig zwei Ortschaften mit diesem Namen. Deshalb erhielt unser Grimlinghausen den neuen Namen Nierbachtal, benannt nach dem gleichnamigen Bach, ein Nebenfluss der Ruhr.

Am 27.9.1821 wurde der „Schultenhof“ in Grimlinghausen erstmals urkundlich erwähnt. Christian Dröge zu Eversberg erhielt bei einer Versteigerung aufgrund seines Höchstgebotes das große Gehöft am Nierbach, welches bislang der Witwe Kropf zu Olsberg gehörte. Den erworbenen Hof veräußerte Christian Dröge am 9.2.1822 an den Freiherrn Carl von Lüninck zu Ostwig. Am 18.7.1823 tauschten die von Lünincks diesen Hof gegen das Kemper-Gut in Ostwig. Neue Besitzer des großen Hofes in Grimlinghausen waren nun Franz Humpert und seine Familie (heute Kotthoff).

Der Ort Grimlinghausen bestand aus insgesamt 5 Häusern, in denen meist mehrere Generationen wohnten. Die Familien Droste, Heinemann, Hermes (heute Ternieden), Hücker (1989 zerstört durch einen Hausbrand) und Humpert (heute Kotthoff) lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft. So berichtete die älteste Bewohnerin des Dorfes, Franziska Heinemann (92 Jahre), dass in den 1940er Jahren jeder Haushalt über mindestens eine Kuh verfügte. Der große Hof Humpert hatte weitaus mehr Kühe. Außerdem wurde auf diesem Hof auch Rinderwirtschaft betrieben.

Oberhalb des Dorfes gab es einen Wasserbehälter, der aus der Quelle südlich von Schederberge gespeist wurde und über den alle Dorfbewohner ihr Wasser erhielten. Auf dem Hof Humpert existierte ein Mühlrad, das hauptsächlich zum Mahlen von Schrot für die Tiere genutzt wurde. Außerdem gab es auf dem Hof eine Glocke -sie existiert auch heute noch-, die mittags um 12.00 Uhr und abends um 18.00 Uhr geläutete wurde. So wussten alle Dorfbewohner, wann es Zeit war, die Arbeit ruhen zu lassen und gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen. Diese Glocke diente auch als Totenglocke. Ihr Läuten zeigte dann den Beginn des Trauerzuges zum etwa 2,5 km entfernt gelegenen Friedhof in Wehrstapel an.

Den 2. Weltkrieg erlebten die Grimlinghäuser als schwere und angstvolle Zeit. Da sich die Familien allerdings mit allem Lebensnotwendigen nahezu selbst versorgen konnten, mussten sie weniger Entbehrungen hinnehmen als die Bevölkerung in vielen anderen Städten oder Orten des Sauerlandes. Von Bombeneinschlägen selbst blieb Grimlinghausen verschont. Auf dem Hof Humpert erinnert ein Gedenkkreuz an einen als Soldat im Krieg gefallenen Familienangehörigen.

Nach dem Krieg gab es in Grimlinghausen fünf Häuser. Anfang der 1950er Jahre kam das 6. Haus dazu, welches zunächst als Ferienhaus genutzt wurde. 1963 wurden in Grimlinghausen drei weitere Häuser gebaut. Neben dem kleinen Haus der Familie Droste entstand außerdem ein größerer Neubau und das alte Haus wurde abgerissen.

Die Dorfgemeinschaft war schon immer von gegenseitiger Nachbarschaftshilfe geprägt. Und auf Festen traf man sich und feierte zusammen. So berichtete Franziska Heinemann, dass es in früheren Zeiten als gemeinschaftliches Fest ein Schützenfest für die Kinder gab. In den Jahren von 1987 bis 1996 organisierten die Nierbachtaler dann gemeinsam ein Dorffest, zu dem auch zahlreiche Auswärtige, Freunde und ehemalige Bewohner kamen. Auch hierbei wurde ein Kinderschützenfest ausgerichtet.

Die Struktur Nierbachtals ist geprägt von der unmittelbaren Nähe zwischen Wohngebiet und Gewerbe. Mit der Ansiedlung der Baumschule Gockel Anfang der 70er Jahre veränderte sich das landwirtschaftlich geprägte Grimlinghausen. Die Baumschule Gockel liegt mitten im Ortskern zu beiden Seiten des Nierbachs, was das Dorfbild nachhaltig verändert hat. Besonders in den Monaten November und Dezember – während der Hochsaison des Weihnachtsbaumverkaufes – wird deutlich, dass sich das nahe Nebeneinander von Gewerbe und Wohnen nicht immer einfach gestaltet. Nächtlicher Lärm, Schmutz auf den Straßen, LKW-Verkehr im Dorf beeinträchtigen für viele Nierbachtaler die Qualität des Wohnens im ansonsten ruhigen Dorf. Durch Gespräche und gemeinsame Überlegungen von Anwohnern mit der Firma Gockel, die inzwischen zu einem der größten Weihnachtsbaumbelieferer in Europa zählt, ließen sich Kompromisse finden, die für beide Seiten nun annehmbar sind.

Mit Eröffnung der Zentraldeponie im benachbarten Halbeswig im Jahre 1979 nahm das Verkehrsaufkommen auf der Landstraße , die durch den Ort führte, deutlich zu. Große Müllwagen durchfuhren die schmale Dorfstraße. Um die Situation zu entschärfen erhielt das Dorf zunächst eine Ampelanlage. In dieser Zeit gab es in Nierbachtal fünf Standorte, an denen Ampeln aufgestellt waren. Dadurch konnte -je nach Ampelintervall- das Dorf jeweils nur in eine Richtung an- und durchfahren werden. Die Bauarbeiten zur Umgehungsstraße begannen im Jahre 1984.

Mit der Fertigstellung der Umgehungsstraße beruhigte sich die Verkehrssituation im Dorf und die Kinder konnten wieder auf der Straße spielen. Allerdings stellte sich die Kreuzung, die durch den Bau der Umgehungsstraße entstand, immer mehr als gefährlicher Verkehrspunkt heraus. Bislang geschahen dort schon zahlreiche Unfälle.

Seit 2005 betreibt die Familie Kotthoff ihre Gastwirtschaft „Kotthoffs Pferdestall“. Der Pferdestall wird als Familienbetrieb geführt. Er zieht zahlreiche Gäste aus dem nahen, aber auch dem weiteren Umland ins Nierbachtal, bringt Leben ins Dorf und steigert den Bekanntheitsgrad des Ortes. Der Bestwiger Panoramaweg sowie ein Velmeder Rundwanderweg werden seit der Eröffnung des Pferdestalls von vielen Wanderern genutzt, die meist in dieser Gastwirtschaft einkehren.

Als Beispiel für das bereits erwähnte Gelingen dörflicher Gemeinschaft ist die Gründung des Nierbachtaler Wasserverbandes zu nennen. In gemeinschaftlicher Arbeit wurde 1963 der benannte Wasserbehälter umgebaut und das Nierbachtaler Wasserhäuschen entstand. Ehrenamtliches Engagement der Mitglieder des Wasserverbandes garantiert eine autarke Wasserversorgung in Nierbachtal.

Aufgrund großer Trockenheit im Frühling und Frühsommer 1984 kam es innerhalb kurzer Zeit zu zwei Waldbränden in unmittelbarer Nähe einiger Wohnhäuser. Gott sei Dank erlitten bei den Bränden weder Menschen, Tiere oder Häuser Schaden.

Im Jahre 1989 brannte jedoch das Haus der Familie Hücker bis auf die Grundmauern ab und war nicht mehr bewohnbar. Die Familie zog weg und die Reste des Hauses wurden im darauf folgenden Jahr abgerissen.

Das Orkantief Kyrill, dass in der Nacht zum 19. Januar 2007 über dem Sauerland wütete, richtete auch in den Waldgebieten rund um Nierbachtal große Schäden an. Über Nacht wurden ganze Wälder verwüstet. Waldbauern und Waldbesitzer aus dem Nierbachtal mussten miterleben, wie die Arbeit von Generationen vernichtet wurde. Die Zufahrtsstraßen waren aufgrund umgestürzter Bäume vorübergehend gesperrt. Im gleichen Jahr – am 10. Juni 2007 – kam es nach einem schweren Gewitterregen mit Hagelschauern zu einer Überflutung des Wohnhauses und der Gaststätte der Familie Kotthoff sowie der Lagerhallen der Firma Gockel. Eingeschlossene Personen mussten von der herbei gerufenen Feuerwehr aus den oberen Stockwerken gerettet werden. Alle Dorfbewohner und einige freiwillige Helfer aus den Nachbargemeinden, waren bei den Aufräumarbeiten bis spät in die Nacht oder an den darauffolgenden Tagen im Einsatz.

Leider hat die Einwohnerzahl im Nierbachtal in den letzten Jahren immer mehr abgenommen. Viele Kinder aus den Mehrgenerationenhaushalten sind weggezogen. Einige von ihnen hätten gerne im Nierbachtal gebaut, was aber von Seiten der Gemeinde nicht ermöglicht wurde. Einen Grund für das „Aussterben des Dorfes“ und die Überalterung der Bewohner sehen viele Nierbachtaler darin, dass die Gemeinde keine Baugrundstücke ausgewiesen hat und Bauen nur unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Einige erwachsene Kinder der ansässigen Familien sind allerdings auch geblieben bzw. zurückgekommen, so dass im Dorf zur Zeit fünf Kinder zwischen einem Jahr und neun Jahren leben